Vor dem grossen Knall

Sachsen-Anhalt vor der Landtagswahl: Jürgen Rausch analysiert AfD-Stärke, BSW-Schlüsselrolle und die strategischen Optionen der CDU

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 könnte die demokratische Mehrheitsbildung vor eine aussergewöhnliche Bewährungsprobe stellen. In seinem Beitrag analysiert Dr. Jürgen Rausch, Generalsekretär des Auslandsverbands Schweiz CDU-CSU, wie das Zusammenspiel aus hoher AfD-Zustimmung, Fünfprozenthürde und einer möglichen Schlüsselrolle des BSW die Regierungsbildung beeinflussen könnte – und welche strategischen Entscheidungen daraus insbesondere für die CDU entstehen.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 könnte zu einer Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik werden. Erstmals besteht die realistische Möglichkeit, dass eine vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei nicht nur stärkste parlamentarische Kraft wird, sondern den Ministerpräsidenten stellt oder sogar eine absolute Mehrheit der Landtagsmandate erreicht.

In seiner Analyse «Vor dem grossen Knall» untersucht Dr. Jürgen Rausch die unterschiedlichen parlamentarischen Szenarien, die sich aus den aktuellen Mehrheitsverhältnissen ergeben könnten.

Eine besondere Bedeutung misst er dabei der Fünfprozenthürde und dem Bündnis Sahra Wagenknecht bei. Je nachdem, welche kleineren Parteien den Einzug in den Landtag schaffen, könnte die AfD trotz eines Stimmenanteils deutlich unter 50 Prozent eine absolute Mandatsmehrheit erreichen. Zieht das BSW dagegen ein, könnte es einerseits eine solche Mehrheit verhindern, andererseits bei der Wahl des Ministerpräsidenten selbst zum entscheidenden Faktor werden.

Rausch beschäftigt sich deshalb ausführlich mit der Frage, welche Wirkung eine Enthaltung des BSW in einem späteren Wahlgang haben könnte und welche politische Verantwortung daraus entstünde.

Strategische Herausforderung für die CDU

Im Zentrum des Beitrags steht zugleich die Frage, wie die CDU auf eine Situation reagieren sollte, in der traditionelle Koalitionsmodelle keine demokratische Regierungsmehrheit mehr ermöglichen.

Rausch plädiert dafür, zwischen einer formellen Koalition, einer Tolerierung und parlamentarischer Kooperation zu unterscheiden. Eine CDU-geführte Minderheitsregierung mit einem klar definierten Stabilisierungsabkommen zählt für ihn ebenso zu den denkbaren Optionen wie eine Verständigung demokratischer Parteien über die Wahl des Ministerpräsidenten sowie zentrale Haushalts- und Vertrauensfragen.

Dabei setzt sich der Autor auch kritisch mit der bisherigen gleichzeitigen Abgrenzung der CDU gegenüber AfD und Linken auseinander. Seine zentrale These: In einer aussergewöhnlichen parlamentarischen Situation müsse die Verhinderung einer Regierungsübernahme durch eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei stärker gewichtet werden als bisherige koalitionspolitische Ausschlüsse.

Das BSW als möglicher Schlüsselakteur

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Rolle des BSW. Rausch betont ausdrücklich, dass das BSW nicht mit der AfD gleichzusetzen sei. Seine besondere politische Bedeutung könne sich jedoch daraus ergeben, dass es durch Zustimmung, Enthaltung oder die Unterstützung wechselnder parlamentarischer Mehrheiten die Handlungsmöglichkeiten der übrigen Parteien entscheidend beeinflussen könnte.

Damit könnte eine vergleichsweise kleine Partei erheblichen Einfluss darauf gewinnen, wer künftig Sachsen-Anhalt regiert.

Bewährungsprobe für die demokratischen Parteien

Rauschs Analyse endet deshalb nicht bei der Frage nach dem Wahlerfolg der AfD. Für ihn wird Sachsen-Anhalt ebenso zum Test für die Fähigkeit der demokratischen Parteien, unter aussergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähige Mehrheiten zu organisieren.

CDU, SPD, Grüne und Linke könnten dabei vor Entscheidungen stehen, bei denen die Sicherung einer demokratischen Regierungsmehrheit gegen programmatische und koalitionspolitische Abgrenzungen abgewogen werden muss.